16. August 2017

Phantasm: Ravager

© Koch Media

Regie: David Hartman
Land / Jahr: USA 2016












Reggie (Reggie Bannister) ist schon sein halbes Leben auf der Flucht vor dem Tall Man (Angus Scrimm) und dessen fliegenden Bohr-Kugeln. Als er dann seinen alten Freund Mike (A. Michael Baldwin) in einem Seniorenheim trifft, scheint sich das ganze Mysterium um die Parallelwelt endlich aufzulösen.

Der Anfang vom Ende
Irgendwann ist es für die allermeisten klassischen Horrorserien soweit und die gesamte Kreativität, mittels derer sie und ihre Erschaffer berühmt wurden, wird über den Haufen geworfen und ein paar habgierige Pseudo-Filmproduzenten wittern das schnelle Geld hinter einem großen Namen. Die "Hellraiser"-Reihe weist beispielsweise mittlerweile schon mehr Billig-Sequels als echte Teile auf.
Bei "Phantasm" - beziehungsweise "Das Böse", wie die ersten drei Teile im deutschsprachigen Raum noch hießen - war Teil vier der Anfang vom Ende. Für schlanke 650.000 Dollar produziert, lieferte "Phantasm"-Erfinder Don Coscarelli, eine langweilige und schmierige Weiterführung seiner bei Fans so beliebten Serie ab.
Der Film war so mies und verdientermaßen unrentabel, dass es fast zwei Jahrzehnte, genauer gesagt 18 Jahre, dauerte, bis Teil fünf gemacht wurde. Der erste Teil, bei dem Coscarelli nicht Regie führte. Doch der neue Regisseur David Hartman macht genau da weiter, wo Coscarelli aufgehört hatte. Und er macht es sogar noch schlimmer.

Horror im Seniorenstift
"Phantasm: Ravager" (übersetzt heißt Ravager übrigens "Verwüster) ist zwar bemüht, die Geschichte weiterzuerzählen. Aber das Gebotene ist vollkommen absurd, lächerlich und trotz seiner schlichten Story erschreckend konfus, an vielen Stellen sogar unlogisch geraten. Das Drehbuch - dafür ist Don Coscarelli allerdings noch schreibend verantwortlich - ist ein totales Debakel. Vor allem die Momente im Seniorenstift auf den Sterbebetten sind gänzlich absurd - und stinklangweilig.
Erstaunlich ist auch die schauspielerischer Leistung von Reggie Bannister. Seit dem Original aus dem Jahre 1979 spielt er in jedem der fünf Teile die Hauptrolle, da könnte man doch annehmen, dass es ihm keinerlei Anstrengung abverlangt. Aber Bannister, dessen Figur denselben Vornamen wie er selbst hat, liefert eine Pornofilm-dilletantische Leistung ab - so wie die restliche Cast auch.
Was die Splattermomente betrifft, so ist "Ravager" erstaunlicherweise ein wenig blutiger geworden als sein Vorgänger - dennoch ist er gänzlich unzensiert freigegeben ab 16 Jahren, während "Oblivion" nur an Erwachsene verliehen und verkauft werden darf. Leider ist das meiste Blutvergießen am Rechner entstanden und somit sehen die roten Fontänen, die die Metallkugeln aus den Stirnlappen bohren, auch sehr wenig überzeugend aus.
"Phantasm: Ravager" ist so mies geworden, dass man nur noch hoffen kann, dass die Serie nicht noch mit weiteren Sequels weiter in den Dreck gezogen wird. Für Angus Scrimm wird das aber definitiv der finale Auftritt als bleicher Leichenbestatter gewesen sein: Der Schauspieler verstarb im Alter von 89 Jahren kurz nach den Dreharbeiten zu diesem Schundfilm.

Fazit: 20 %

13. August 2017

Over the Top

© Kinowelt

Regie: Menahem Golan
Land / Jahr: USA 1987












Trucker Lincoln (Sylvester Stallone) hat seinen Sohn Michael (David Mendenhall) seit zehn Jahren nicht mehr gesehen. Doch nicht nur die Zeit steht zwischen den beiden: Michael geht auf ein Elite-Internat, während sich sein Vater gerade einmal ein einfaches Leben leisten kann. Doch die Weltmeisterschaft im Armdrücken könnte Lincoln zu einem reichen Mann machen.

"Sylvester Stallone's Muskelspiel"
Wow, was für eine Story. Mehr 80er geht nicht. Obwohl das auch ein wenig unfair formuliert ist, schließlich hat der einzige Armdrücker-Film der Welt schon damals nicht so recht den Geschmack der Zuschauer getroffen und das Budget von 25 Millionen Dollar nicht eingespielt. Würde hier nicht Sylvester Stallone die Hauptrolle spielen, dann wäre dieser Film schon lange in Vergessenheit geraten.
Im deutschen Fernsehen wurde der Titel "Over the Top" noch getoppt und immer wieder gerne mal um reißerische Zusätze erweitert wie "Mein Daddy schlägt sie alle" oder noch viel schlimmer und mit Deppenapostroph garniert: "Sylvester Stallone's Muskelspiel". Billiger kann man Zuschauer gar nicht vor die Bildschirme locken.
Aber immerhin setzt man auf das richtige Pferd: Für die Hauptrolle passt Stallone so gut wie kaum ein anderer. Nicht nur, dass viel Wert auf ordentlich Schweiß gelegt wird, der die Muskeln besonders groß und glänzend aussehen lässt - im Gegensatz zu modernen Actionfiguren, die alles mit Leichtigkeit machen und deswegen gar nicht mehr schwitzen. Auch das Truckerleben passt hervorragend zu Sly.
Ihm gegenüber steht sein Klugscheißer-Sohn Michael, der zu Anfang des Filmes in seiner Uniform richtig arrogant rüberkommt. Und auch wenn David Mendenhall, der während der Dreharbeiten 15 Jahre alt war, auch gerne mal overacted, so ist die Goldene Himbeere, die er für diesen Film als schlechtester Nebendarsteller erhalten hat, doch ein bisschen unfair.

Schön dick aufgetragen
Eigentlich ist "Over the Top" ein Familiendrama. Unterschichten-Vater trifft verlassenen Sohn und muss sich ihm annähern, da seine Frau und Mutter des gemeinsamen Kindes im Sterben liegt. Menahem Golan findet so richtig Gefallen daran, schön dick aufzutragen. Aber erstaunlicherweise ist dieser ganze Kitsch nicht nervig, sondern irgendwie sympathisch.
Die seltenen Armdrück-Szenen wirken allerdings konstruiert. Als hätte jemand gesagt: Wir haben Sly, lasst uns jetzt nachträglich noch auf irgendwie Muskeln und Action reinpacken. Und bevor das Macho-Event in Las Vegas steigt, gibt es nur ganz wenig Armdrück-Momente. Erst im Finale kommt dann ein bisschen Turnier-Stimmung auf.
Und dann wird es auch so richtig 80er-mäßig. Mit Synthie-Pop unterlegte Montagen. Knappe Kämpfe, bei denen aber imme derjenige gewinnt, der spektakulärer aussieht. Und alles läuft auf ein, ab der ersten Sekunde an, absehbares Finale hinaus. Aber trotzdem aller Klischees: Auch hier kommt eine gewisse Stimmung auf.
"Over the Top" ist ein ganz besonderer Film in der umfangreichen Filmografie von Action-Star Sylvester Stallone, der hier auch mal seine sentimentale Seite zeigen darf - und sich selbst den Film viel düsterer vorgestellt hätte, wie man im Nachhinein erfahren durfte. Wer aber auf schmierig-kitschige 80s-Stimmung steht, der wird trotz aller Fremdschämmomente auch mit "Over the Top" eine Menge Spaß haben - allein schon aufgrund des hohen Skurrilitätfaktors.

Fazit: 50 %

1. August 2017

FC Venus

© NFP Distribution

Regie: Ute Wieland
Land / Jahr: Deutschland 2006












Anna (Nora Tschirner) passt es gar nicht, dass ihr Paul (Christian Ulmen) zu seiner Mannschaft, der Eintracht Imma 95 als Spieler zurückkehrt, hält sie doch nicht viel von Fußball. Da fällt ihr ein sportlicher Deal ein: Sie gründet mit den anderen Spielerfrauen den FC Venus und fordert die Männer zu einem Spiel heraus. Sollten die Frauen gewinnen, ist es aus für die Eintracht.

Anpfiff zur Weltmeisterschaft
Da musste sich aber jemand beeilen: Nicht einmal vier Monate, nachdem das Original unter selbem Titel in Finnland in die Kinos kam, lief schon das deutsche Remake in den deutschen Lichtspielhäusern an. Und es musste aus einem guten Grund richtig schnell gehen, denn sechs Wochen nach dem Kinostart der Ulmen-Tschirner-Version wurde die Fußball Weltmeisterschaft 2006 in Deutschland angepfiffen. Der Hype um das Turnier im eigenen Land musste nämlich noch genutzt werden - hat allerdings nicht so recht funktioniert, denn etwas mehr als 266.000 Kinogänger sind kein toller Erfolg.
Spielerisch haben Christian Ulmen und Nora Tschirner im Vergleich mit anderen Film-Fußballern einen klaren Vorteil: Es ist nicht wirklich schlimm wenn ihre fußballerischen Fähigkeiten dilletantisch auf der Leinwand rüberkommen. Denn die Figuren in "FC Venus" sind lediglich Kreisliga-Kicker, bei denen es ruhig mal etwas holpriger zugehen darf. Passt also.
Und das ist auch ihr Glück, denn Ute Wielands Inszenierung ist teilweise sehr holprig geraten. Alle Filmtricks, die sie in großen Werken von berühmten Leone-Western bis hin "Geschenkt ist noch zu teuer" mit Tom Hanks gesehen hat, werden hier willkürlich reingeworfen, als probiere sich eine Filmstudentin aus. Auch die Szenen auf dem Fußballfeld wirken alles andere als mit Köpfchen inszeniert.

Nach den gängigen Regeln der Erzähl-Kunst
Neben vielen Klischees auf allen Ebenen hat der Frauen-Kick auch seine guten Seiten. Denn immerhin funktionieren die Figuren ganz gut und sind zwar sehr naiv, dafür aber sympathisch. Hier geht Regisseurin Ute Wieland auf Nummer sicher und deckt möglichst viele Archetypen-Klischees ab, vom homosexuellen Fußballer, der natürlich bei der Frauenmannschaft spielt bis hin zum eingebildeten Star-Trainer, aber das sorgt immerhin für schlichte Unterhaltung.
Das Endspiel zwischen dem FC Venus und der Eintracht Imma 95 hält sich an die typische Erzählstruktur für ein filmisches Sport-Finale und ist von der ersten bis zur letzten Sekunde vorhersehbar - neue Ideen haben hier keine Chance. Schließlich scheint es für die Filmemacherin schon eine intellektuelle Höchstleistung zu sein, das handwerkliche Standard-Programm abzuspulen. Zu dem Zeitpunkt hat sich der Zuschauer aber auch schon mit der Naivität von "FC Venus" abgefunden und lässt sich einfach nur von dem Klamauk berieseln.
Nicht nur inhaltlich, sondern auch von der Inszenierung orientiert sich die deutsche Version von "FC Venus" sehr stark am finnischen Original, was die deutsche Fassung ziemlich überflüssig macht. Da aber wenigstens die Figuren und ein paar Lacher funktionieren, schafft es Ute Wieland mit ihrer Version wenigstens etwas Unterhaltung zu bieten - wenn auch auf eher überschaubarem Niveau in jeglicher Hinsicht.

Fazit: 40 %

30. Juli 2017

Baby Driver

© Sony

Regie: Edgar Wright
Land / Jahr: USA, Großbritannien 2017












Super-Fluchtwagenfahrer Baby (Ansel Elgort) steht kurz davor, seine Rechnung mit Schwerverbrecher Doc (Kevin Spacey) zu begleichen. Dann kann der musik- und frischverliebte junge Mann endlich wieder einem ehrlichen Beruf nachgehen. Doch Doc glaubt, dass sein begabter Schützling sein Glücksbringer ist.

Der Junge hat Kopfschmerzen
Edgar Wright ist ist ein Regisseur, der mit seinen Filmen - selbst wenn es Horrorfilme oder Thriller sind - für gute Laune sorgt. Und "Baby Driver" ist mit seiner nahezu durchweg positiven Stimmung und vielen flotten Songs als besonders heiteres Filmchen angelegt. Und verdammt stylish ist der Fluchtwagenfahrer-Film auch noch.
Warum Ansel Elgort für die Hauptrolle gecastet wurde, ist kein großes Geheimnis: Er hat die Definition eines Babyfaces. Und eigentlich ist seine Figur Baby auch ein Softie. Allerdings muss er böse Dinge für böse Menschen tun und das bereitet ihm Kopfschmerzen. Allerdings hält es ihn nicht davon ab, üble Rache an den fiesen Fieslingen zu üben. Das macht ihn eigentlich auch nicht besser als die Leute, die er so gar nicht leiden kann. Dennoch: Ansel Elgort spielt die fröhlichen Momente des Filmes wirklich mit einer exquisiten Überzeugung.
Ebenso gut gecastet sind auch die meisten anderen Darsteller. Besonders Jamie Foxx in der Rolle des gewollt-coolen Pseudo-Gangsters Bats macht Spaß, weil seine Gags nur deswegen billig sind, weil Wright sie absichtlich billig geschrieben hat. Es mag nicht die feine russische Art eines Dostojewski sein, der alle seine Figuren mit vorurteilsfreien Objektivität beschrieb, aber Wright hat Gefallen daran gefunden, sich über seine Figuren lustig zu machen.

Die Verwandtschaftsverhältnisse von "nett"
Doch obwohl der Film einen Songs nach dem anderen rauskloppt, ist es Wright nicht immer gelungen, einen echten Stimmungsmacher aus den Archiven der vergangenen Musik-Jahrzehnte auszugraben. Manche Lieder sind nur nett. Und spätestens seit dem Animationsfilm "Werner" wissen wir um die Verwandtschaftsverhältnisse von "nett". Das kann nicht der Anspruch eines Edgar Wrights sein.
Die Figuren funktionieren, die Dialoge sind gut, die Musikeinlagen decken die Spannbreite von fantastisch bis ganz o.k. ab. Aber das Drehbuch hat auch eine richtig finstere Seite: Die Handlung ist einfach nur Schrott. Um alles schon einmal gesehen zu haben, muss man kein Filmkenner sein. Wright hat seine komplette Kreativität in alle anderen Aspekte des Filmes gepackt und die Seele eines jeden Filmes komplett vernachlässigt: Die Geschichte ist uninspiriert und klischeehaft, sie erquickt sich an Details und lässt das große Ganze gänzlich aus den Augen.
"Baby Driver" ist weit weg von dem fantastischen Filmerlebnis, das viele erwartet haben. Spätestens beim zweiten Sehen, sollte jeder merken, dass da wesentlich weniger Hirn und Herz hintersteckt als der Zuschauer dem Werk zuschreiben möchte. Sympathisch ist "Baby Driver", aber bei einem Blick auf die restliche Filmographie von Wright kann man ohne lange drüber nachzudenken sagen, dass er seinen bisher schwächsten Kinospielfilm abgeliefert hat. Denn bei den anderen Werken, konnte man nicht die komplette Handlung voraussehen.

Fazit: 65 %

29. Juli 2017

Dunkirk

© Warner

Regie: Christopher Nolan
Land / Jahr: USA 2017












Die Schlacht von Dünkirchen scheint nur einen Sieger zu kennen: Die Streitkräfte der Alliierten haben gegen die deutschen Armeen keine Chance. Für die Soldaten zählt nur eins: In einem Stück nach England zu kommen. Britische Fischerleute brechen Richtung französischer Nordküste auf, um ihre Soldaten zu retten.

Goliath geht zu Boden
Normalerweise erzählen Kriegsfilme von großen Kämpfen. Von heroischen Siegen oder vernichtenden Niederlagen. Doch für gewöhnlich ist eine Evakuierung nicht das zentrale Element eines Kriegsfilmes. Star-Regisseur Christopher Nolan nimmt sich der wenig rühmlichen Schlacht an der französischen Nordküste an.
Letztendlich geht es darum, Leben zu retten. Die jungen Männer in Richtung Großbritannien zu befreien. Heldenhaft holt Fliegerass Farrier (Tom Hardy) einen Nazi-Flieger nach dem anderen vom Himmel. Doch dabei unterschlägt Nolan dem Zuschauer die bittere Wahrheit: Die Alliierten waren dem Deutschen Reich bei Dünkirchen zahlenmäßig mit 1,2 Millionen zu 800.000 Soldaten weit überlegen, hatten Zerstörer und Geschütze im Kampf. Trotzdem verloren die Alliiierten fünfmal so viele Soldaten sowie 2500 Geschütze, 200 Schiffe, 9 Zerstörer, 177 Flugzeuge, 64.000 Fahrzeuge und fast alle Panzer. Dem gegenüber stehen 100 deutsche Panzer und 132 deutsche Flugzeuge. Nicht die Kleinen haben diese Schlacht verloren, sondern die Großen.

Namenlose Krieger
Aber um Inhalte geht es Nolan leider weniger in seinem Schlachtenepos. Es geht um die Gräuel des Krieges. Es geht um die vernichtende Macht von Bomben, die er eindrucksvoll inszeniert. Es geht darum, dass Soldaten auch nur Menschen sind und keine seelenlosen Tötungsmaschinen. Letzteres heißt aber nicht, das der Zuschauer mit einzelnen Figurn mitfühlt. Selbst zwei Minuten nach Filmende, wird sich kaum jemand auch an nur einen einzigen Namen einer Figur erinnern.
Es geht hier darum den Menschen als fühlendes, ängstliches und empathisches Wesen zu zeigen. Und die Bedrohung ist in "Dunkirk" fast ebenso groß wie in "Der Soldat James Ryan". Technisch holt der Filmemacher wirklich alles aus dem Medium raus, was ihm zur Verfügung steht, um die einseitige Schlacht möglichst intensiv und bedrohlich zu gestalten.
Gerade in Hinsicht auf Tonschnitt und Schnitt hat Nolan einen seiner besten Filme abgeliefert. Kein Schnitt ist willkürlich, unmotiviert oder generisch. In jeder Einstellung ist ein intelligentes und perfekt funktionierendes Konzept zu erkennen. Handwerklich ist "Dunkirk" alleroberste Qualität. Und auch die anderen Departments wie Kamera, Ausstattung oder Kostüme haben ihr Bestes gegeben.
In diesem für Nolan-Verhältnisse mit 106 Minuten Laufzeit sehr kurzen Film demonstriert der Autorenfilmer einmal mehr, dass er was Filmsprache und Technik betrifft zu den allergrößten lebenden Regisseuren gehört. Doch leider distanziert sich das Drehbuch viel zu sehr von seinen Figuren und zeigt sie mehr als Menschen-Masse denn als Individuen. Unter dem Strich ist "Dunkirk" in Nolans bisheigem Oeuvre einer seiner schlechteren Filme - aber unterhalb von sehr gut arbeitet der Mann auch gar nicht.

Fazit: 75 %

19. Juli 2017

Jerry Maguire: Spiel des Lebens

© Sony

Regie: Cameron Crowe
Land / Jahr: USA 1996












Sportagent Jerry Maguire (Tom Cruise) möchte seinen Klientenkreis verkleinern, um sich so besser um einzelne Spieler kümmern zu können. Doch dieser spontane moralische Anflug kommt bei seinen Vorgesetzten nicht an und Maguire wird gefeuert. Jetzt muss er sich mit einzelnen Sportlern über Wasser halten. Stets auf der Suche nach dem einen Mega-Clou.

Darstellerische Höchstleistungen
Wenn er will, dann kann er: Tom Cruise spielt in "Jerry Maguire: Spiel des Lebens" eine seiner sympathischsten Rollen. Er erkennt seine Fehler ein und versucht sie mit Vernunft und Menschlichkeit aus der Welt zu schaffen. Seine Figur ist kinderlieb und zuvorkommend, aber auch ehrgeizig und konsequent. Regisseur und Autor Cameron Crowe holt wirklich alles aus dem Vorzeige-Scientologen heraus.
Mindestens genauso gut spielt Cuba Gooding Jr. den Profi-Footballer Rod Tidwell, der niemals über den Sport, dafür aber permanent über das dicke Geld, den "Schotter" spricht. Tidwell ist der Archetyp des modernen Sportlers, der nicht nur wenig intelligent, dafür aber umso geldgieriger ist. Und das ohne, dass Crowe seine Figur zu sehr überzeichnet oder als Bösewicht stilisiert. Ein Volltreffer.
Bei Maguire ist ihm das Glück nicht ganz so hold, was man Crowes Drehbuch anlasten kann. Als Mensch funktioniert Maguire perfekt. Der Beruf des Spielerberaters hätte aber noch eine gute Prise mehr Kritik vertragen können - und dafür hätte Crowe die eine oder andere romantische Szene ruhig aus dem Skript löschen können.

Der (zu) freundliche Spielerberater
Insgesamt liefert das Drehbuch zwar eine ungewöhnliche Geschichte mit interessanten Figuren. Aber die Gewichtung der einzelnen Handlungsstränge hätte etwas glücklicher geraten können. Immerhin spielt Renée Zellweger die Rolle der alleinerziehenden Mutter Dorothy so sympathisch und zuckersüß, dass die zahlreichen Romantik-Szenen nicht so negativ ins Gewicht fallen. Da hat der Crowe noch einmal richtig Glück gehabt.
Und für sein Thema ist "Jerry Maguire" auch ein wenig zu freundlich, zu heiter und vor allem: zu undramatisch. Klar, eigentlich steht "Jerry Maguire" Mitte der 90er Jahre genau für den leichtfüßigen Stil von Cameron Crowe, den der Autorenfilmer mit der Jahrtausendwende verloren hat - "Almost Famous" (2000) war sein letzter toller Film, "Teen Lover" sein erster (1989).
Cameron Crowe liefert einen interessanten Sportfilm abseits des Mainstreams ab. Einen Film, der durchweg seine Handschrift trägt, stellenweise wünscht man sich aber etwas weniger Harmonie. Dafür entlohnt die im wahrsten Sinne des Wortes ausgezeichnete Cast: Cuba Gooding Jr. bekam den Oscar für die beste Nebenrolle, auch Tom Cruise wurde für einen Goldjungen nominiert. "Jerry Maguire" macht richtig Spaß, vor allem weil er so anders und persönlich ist. Ein Sportfilm, an dem sogar die Damenwelt ihre Freude haben könnte. Aber ein bisschen kritischer könnte der Film dennoch sein müssen.

Fazit: 75 %

10. Juli 2017

Pubertier, Das

© Constantin

Regie: Leander Haußmann
Land / Jahr: Deutschland 2017












Hannes Wenger (Jan Josef Liefers) träumt vom idealen Familienleben. Um mehr "Quality Time" mit seiner Tochter und seinem Sohn zu verbringen, möchte der Schriftsteller von Zuhause aus arbeiten. Doch die liebe kleine Carla (Harriet Herbig-Matten) hat andere Interessen, als die Zeit mit ihrem Vater zu verbringen. Und die Hormone spielen bei der Teenagerin verrückt.

Der Unterschied zwischen charmantem Witz und billigem Slapstick
Journalist und Schriftsteller Jan Weiler hat das "Pubertier" entdeckt und mit viel Charme und Witz durch gleich mehrere Bücher begleitet. Mit seinen lebensnahen Anekdoten heimste er viel Zuspruch ein, schließlich haben die meisten Menschen schon einmal den Umgang mit einem Pubertier erprobt oder können sich noch darin erinnern, als sie selbst einmal in diesem menschlichen Zwischen-Stadium gesteckt haben.
Von diesem Charme bleibt bei Leander Haußmann nicht mehr viel übrig. Er nimmt die lebensnahe Komödie und überspitzt sie ins Absurde. Waschbärbisse auf dem Hausdach oder Passwortknacken mit einem Kriegsberichterstatter auf dem Schlachtfeld - da sind ein paar der schlimmsten Peinlichkeiten des Kinojahres 2017 auf der Leinwand zu sehen. Das - und sehr, sehr viele weitere Gags in Haußmanns Kino-Groteske - sind einfach nur lächerlich. Glücklicherweise schafft er es wenigstens, den Film nicht ins Pietätlose abdriften zu lassen.

Schwach gespielt und fehlbesetztes Pubertier
Ein paar witzige Momente kriegt aber auch Haußmann hin. Der ach so erwachsene Sohn von Holger (Detlev Buck) will wie ein rebellischer Gangster rüberkommen und spricht dann mit dieser niedlichen Stimmbruch-Frequenz. Oder die dümmlichen Tipps, die die Jungs sich gegenseitig geben, um bei einem Mädchen zu landen, bei denen jeder weiß, dass der Tippgeber keine Ahnung hat. Das ist amüsant und charmant, weil es so echt ist.
Besonders schlimm am "Pubertier" sind aber nicht die überzogenen Momente, sondern die schauspielerischen Tiefst-Leistungen, zu denen Haußmann seine Darsteller treibt. Film-Veteranen Jan Josef Liefers und Heike Makatsch spielen genauso mies wie das vollkommen fehlbesetzte Pubertier Harriet Herbig-Matten.
Haußmann schafft es tatsächlich, dass die Figuren in diesem völlig friedlichen und heiteren Film nicht sympathisch sind. Seine Regie wirkt, als hätte ein Filmhochschul-Frischling die Anweisungen gegeben. Seine Art und Weise zu inszenieren wirkt grob und unerfahren. Er findet keinerlei Zugang zu dem Ausgangsmaterial von Roman-Autor Jan Weiler.
"Das Pubertier" bringt zwar mit seiner Besetzung und dem Bestseller-Roman jede Menge Potenzial mit, scheitert aber aufgrund der lieblosen Inszenierung. Die Grenzen zwischen lustig und albern oder zwischen charmant-frech und dreist sind zugegebener Maßen schmal - aber nahezu durchgehend in die falsche Richtung zu tendieren ist auch eine bemerkenswert konsequente Fehlleistung. Haußmann hat mit dieser schwachen Adaption das Pubertier auf die Liste der vom Aussterben bedrohten Tierarten gesetzt.

Fazit: 35 %

3. Juli 2017

Cool Runnings

©Buena Vista

Regie: Jon Turteltaub
Land / Jahr: USA 1993












Der unkonventionelle Trainer Irv (John Candy) hat eine wahnwitzige Idee: Jamaikanische Sprinter könnten auch gute Bobfahrer sein. Um an den Olympischen Winterspielen teilzunehmen, probieren sich ein paar Jungs von der Reggae-Insel in der Wintersportart aus - ohne jemals in ihrem Leben echten Schnee gesehen zu haben - und fahren zu den Spielen 1988 ins kanadische Calgary.

Das Militär macht Disney Angst
Eine Bob-Mannschaft aus Jamaika bei den Olympischen Winterspielen 1988 in Calgary ist absurd? Das hat es aber wirklich gegeben - beziehungsweise gibt es immer noch. Seit dem bestenfalls semi-professionellen Auftritt in Calgary starteten die Jungs von der Karibik-Insel regelmäßig in der für ihre Wetterlage äußerst merkwürdigen Sportart.
Aber Disney hat dennoch ordentlich an der Wahrheit geschraubt, denn die Ausgangssituation der Geschichte ist so gar nicht Disney-like. Damals fanden die Sprinter die Idee der jamaikanischen Bob-Mannschaft weniger toll und so castete man sich beim Militär ein Team zusammen. Das ist dann schon etwas weniger romantisch.
Dennoch ist das Grundkonzept sehr interessant und wirklich schön umgesetzt. Regisseur Jon Turteltaub versteht es, den Kontrast zwischen der sonnigen Feel-Good-Insel und der farbenfrohen Karibik-Kleidung in Kontrast zu setzen mit dem nicht nur temperaturtechnisch kühlen Sport. Als die Mannschaft in Kanada ankommt ist der Film nicht weniger schön, dafür aber wesentlich steriler geworden. Und mittendrin die Bob-Mannschaft aus Jamaika.

Das geht über eure Vorstellungskraft
Das Fantasy-Team macht auch jede Menge Spaß. Angeführt von einem - wie so oft - witzig-zynischen John Candy - der übrigens Kanadier war -, ist die Mannschaft zusammengesetzt aus einem Spitzensportler, einem Muttersöhnchen und zwei Verrückten. Die Sache mit dem Glücksei ist witzig, das Kopieren der Erfolgsmannschaften ebenso. Hier sei angemerkt: Nur in der deutschen Version sprechen die Jamaikern diesen Schweizer-Dialekt beim Anschieben des Bobs mit "Eins ... zwöi ... drü", in allen anderen Fassungen sprechen sie Hochdeutsch.
Das Schöne an "Cool Runnings" ist, dass es nicht wie immer darum geht, am Ende zu gewinnen. In anderen Sportfilmen kommt der olympische Gedanke "Dabei sein ist alles!" bei Weitem nicht so ehrlich rüber wie hier. Und das kurze Lied "Das geht über eure Vorstellungskraft, Jamaika hat eine Bob-Mannschaft", geht nie wieder aus dem Kopf.
"Cool Runnings" spielt zwar zur Hälfte in der Kälte, dafür ist diese märchenhafte Version der Sporthistorie mit einem großen Herzen gesegnet. Der Film macht Spaß, weil seine Figuren Spaß machen und glücklicherweise tendiert Turteltaub niemals auch nur im Geringsten dazu, geschmacklos zu werden. Eine freundlicher Sport-Film für die ganze Familie. Wenn auch weit weg von der Realität.

Fazit: 70 %

28. Juni 2017

Lucky Trouble - Der Trainer will heiraten

© GV World

Regie: Levan Gabriadze
Land / Jahr: Russland 2011












Eigentlich will Vyacheslav "Slava" Kolotilov (Konstantin Khabensky) nur seinen Job als Lehrer in Palchiki kündigen und in Moskau die schöne Nadezhda (Milla Jovovich) heiraten, da wird er als Fußballtrainer für ein Schülerturnier zwangsverpflichtet. Da er sofort in die Hauptstadt reisen darf, sobald seine Mannschaft ausgeschieden ist, setzt er alles daran, dass sein Team verliert.

Wahnsinn für knapp acht Millionen Dollar
Unglaubliches spielt sich in den ersten 15 Minuten des Filmes ab: Slava wird von einem Auto angefahren und von der Fahrerin ins Krankenhaus gebracht. Die trennt sich wegen ihm ganz spontan von ihrem Verlobten (sie waren bereits mit dem Auto auf dem Weg zum Standesamt) und nimmt nach einer Woche einen Heiratsantrag von Slava an. Der will eigentlich nur schnell kündigen, doch als am Bahnhof von Palchiki (warum gerade am Bahnhof?) die Fußballmannschaften eines Schülerturnieres vorgestellt werden, soll die Mannschaft von Palchiki rausgeschmissen werden, weil die Spieler alle älter als zwölf Jahre sind - ja sogar das ganze Turnier soll nicht stattfinden. Also wird Slava gezwungen (warum er?), ein Team aus obdachlosen Kindern (!) zusammenzustellen, damit er seinen Reisepass wiederbekommt (!). Dieser unfassbare Schwachsinn spielt sich in den ersten 15 Minuten ab und hat die Produzenten davon überzeugt, knappe acht Millionen US-Dollar in den Film zu investieren. Wahnsinn. Und es geht nicht wirklich logischer weiter ...
Oder war es doch Hollywood-Superstar Milla Jovovich, wegen der der Film grünes Licht bekam? Schließlich spielt das Ex-Model die große Liebe Slavas und wartet auf der mehrtägigen Hochzeit auf ihren Angebeteten. Traurig aber wahr: Gerade die Hochzeitsszenen müsste man komplett aus dem Film schneiden, weil sie am wenigsten Sinn ergeben.
Doch dann würde der deutsche Titel gar nicht mehr passen! "Lucky Trouble" ist schon sensationell bedeutungslos und generisch, eigentlich rettet der Beisatz "Der Trainer will heiraten" noch vor dem totalen Blödsinn, denn da wird wenigstens noch erklärt, worum es eigentlich geht in diesem Fußballfilm.

Preißlers Weisheit zählt noch immer
Neben all den aneinandergereihten Peinlichkeiten gibt es aber auch nette Momente, denn wie sagte die Ruhrpott-Fußballlegende Alfred Preißler doch noch: Entscheidend ist auf'm Platz. Und da wird besonders deutlich, wer die Zielgruppe von "Lucky Trouble - Der Trainer will heiraten" ist: Kinder. Und eben diese Vorpubertärentruppe kickt wie eine Mischung aus Captain Tsubasa aus der Zeichentrickserie "Die tollen Fußballstars" und dem ebenfalls aus Asien stammenden "Shaolin Kickers". Es werden Saltos gesprungen, zu Fallrückziehern angesetzt und das volle Trickprogramm abgezogen. Das ist natürlich gnadenlos übertrieben, aber auch amüsant und unterhaltsam.
"Lucky Trouble" ist kein Fußballfilm für Leute, die lieber abgeklärte, einfache Pässe spielen. Und bei der Handlung muss man auch mehr als nur ein Auge zudrücken, denn oftmals driftet der Film ins Alberne und Lächerliche ab. Trotzdem macht dieser russische Kinder-Kick aber auch ein bisschen Spaß, weil es immer wieder mal lustig wird. Milla Jovovichs Filmmutter wird übrigens von ihrer echten Mutter gespielt. Schade, dass gerade die kurzen Szenen mit dem bekanntesten Star völlig überflüssig für die Geschichte sind.

Fazit: 40 %

25. Juni 2017

Baywatch

© Paramount

Regie: Seth Gordon
Land / Jahr: USA 2017












Gleich drei Neuzugänge, darunter der Aufschneider Matt Brody (Zac Efron), sollen das Rettungsschwimmer-Team um Mitch Buchannon (Dwayne "The Rock" Johnson) verstärken. Das ist auch bitter nötig, schließlich treibt gerade eine Bande von Drogendealern im großen Stil ihr Unwesen in den Gewässern der besten Rettungsschwimmer der Welt.

Horrorjob: Handyverkäufer
In 241 Folgen rettete David Hasselhoff unzähligen Menschen das Leben in dem TV-Klassiker "Baywatch". Erstaunlich, dass es so lange brauchte, bis ein Hollywood-Studio sich dazu entschied, mit dem Material noch einmal die dicke Kohle zu machen. Und die Version von Seth Gordon braucht keine fünf Minuten, bis selbst dem geistig schlichtesten Zuschauer klar wird, dass das schnelle Geld absolut das einzige ist, was Paramount Pictures will. "Baywatch" versagt auf ganzer Linie in einfach allen Bereichen.
Die Story ist nicht der Rede wert. Die Figuren, die Zac Efron und Dwayne Johnson spielen, vergleichen über knapp zwei Stunden ihre Penislängen in zahlreichen Fremdschäm-Szenen. Am Ende muss es noch einmal krachen und deswegen gibt es eine lächerliche Krimigeschichte, die gänzlich frei von kreativen Impulsen ist. Erstaunlich ist dabei, dass, obwohl die Handlung so primitiv und einfach wie nur möglich gehalten ist, noch riesige Logiklücken klaffen.
Der Job eines Rettungsschwimmers wird in etwa mit dem eines Popstars verglichen. Jeder will ihn ausüben, es gibt zahlreiche Fans, die den Damen und Herren in den knappen roten Höschen bei der Arbeit zusehen. Jeder will ein Rettungsschwimmer sein, so auch der zweimalige Olympia-Sieger Matt. Als dann Mitch kurzzeitig seinen Job verliert und als Handyverkäufer arbeitet, wird diese Arbeit wie ein grausamer Fluch inszeniert. Dabei verdient ein Handyverkäufer wahrscheinlich besser als jeder Rettungsschwimmer und braucht mutmaßlich auch mehr Köpfchen.

Herbstliche Atmosphäre
Die Gags sind primitiv, um es mal ganz freundlich auszudrücken. Es geht ausschließlich um Geschlechtesteile. Aber warum gibt es überhaupt Gags in einem "Baywatch"-Film? Die Serie war doch gar nicht auf Comedy getrimmt! Was hat das bitte mit der Vorlage zu tun? Nichts. In seiner gesamten Umsetzung wirkt der Film nicht wie ein Remake oder eine Hommage an die beliebte TV-Serie, sondern wie eine Parodie derer. Als wenn der Serienklassiker im Stile der "Scary Movie"-Filme so richtig durch den Dreck gezogen werden sollte.
Genauso wirken auch die Cameo-Auftritte von David Hasselhoff und Pamela Anderson. Null Prozent Coolness, null Prozent Charme: Das jeweils sehr kurze Wiedersehen ist einfach nur traurig geraten. Silikon-Ikone Pamela Anderson darf nicht nur nichts sagen, sondern sieht wie eine hochpreisige Protituierte aus.
Nicht einmal ordentliches Beach-Feeling kriegt Filmemacher Seth Gordon hin. Jeder Amateurfilmer zeigt Verwandten bessere Strandaufnahmen in seinen Urlaubsvideos. Keine Panorama-Einstellungen, keine endlosen Strände, keine knallende Sonne. Man könnte fast meinen, der Film wurde nicht im Hochsommer, sondern im Herbst gedreht.
Ein katastrophales Drehbuch, das nicht einmal das Niveau einer Vorabendkrimiserie erreicht, geschmacklose Witze auf unterstem Niveau und nicht ein Fünkchen Charme oder Stil: "Baywatch" ist eine Parodie der kultigen Original-Serie. Wenn ein Film zu größten Teilen an einem der schönsten Strände der Welt spielt und der Zuschauer noch nicht einmal Fernweh bekommt, dann ist das für jeden Filmemacher ein Armutszeugnis.

Fazit: 15 %

21. Juni 2017

Mean Machine - Die Kampfmaschine

© Paramount

Regie: Barry Skolnik
Land / Jahr: Großbritannien/USA 2001












Danny "Mean Machine" Meehan (Vinnie Jones) gehört eigentlich zu den größten Kickern auf der Insel. Aufgrund zahlreicher Exzesse und dem daraus folgenden Angriff im Vollrausch auf Polizisten, landet Danny im Knast. Dort soll er eine Fußball-Mannschaft aus Insassen trainieren, die in einem "Freundschaftsspiel" gegen die Wärter antreten.

Ein Händchen für Edelsteine
Geboren wurde der ehemalige Fußballprofi und jetzige Schauspieler Vinnie Jones zwar tatsächlich in England, genauer gesagt in Watford, allerdings ist er, aufgrund der Herkunft seines Großvaters, im echten Leben neun Mal für die Fußball-Nationalmannschaft von Wales aufgelaufen - und nicht für die englische, wie seine Filmfigur.
Einen Spitznamen hatte Jones auch: Heißt er im Film "Die Kampfmaschine", so nannte man ihn auf und neben dem Platz "Die Axt". Und diesen Spitznamen hatte er sich durch seine überharte Spielweise redlich verdient: Die schnellste gelbe Karte aller Zeiten nur drei Sekunden nach Anpfiff, 13 Platzverweise in seiner Karriere sowie die unvergessene Szene, als er Paul Gascoigne beherzt und mit voller Kraft in die Familienjuwelen griff - das muss man sich gegen den nicht weniger verrückten Gazza erst einmal trauen.
Jones ist also die perfekte Wahl für die Rolle des exzentrischen Fußball-Profis, der hinter schwedische Gardinen muss - auch weil er für einen Sportler sehr ordentlich schauspielert. Nicht minder passend sind auch die anderen Rollen besetzt für Figuren wie den unbarmherzigen Oberwärter, den geldgierigen Knastleiter oder die Psychopaten-Elf, in der sich auch Jason Statham als durchgeknallter Serienmörder mit Hang zum Religiösen findet.

Gern gesehene Thematik
Die Thematik, dass Insassen sportlich gegen ihre Wärter antreten ist nicht sonderlich frisch: In "Die härteste Meile" (auch bekannt als "Die Kampfmaschine") von 1974 ist es Burt Reynolds, der seine Aufpasser auf dem Football-Feld zerlegen will. Dazu gibt es auch ein Remake mit Adam Sandler und Chris Rock und eben wieder Burt Reynolds von 2005 unter dem Titel "Spiel ohne Regeln". Und aus dem Jahr 1981 stammt auch eine Fußall-Variante mit dem Titel "Flucht oder Sieg", in der Sylvester Stallone und Michael Caine gegen die Nazis kicken. Unterstützung bekommen sie von Pelé, Bobby Moore, Osvaldo Ardiles und vielen weiteren Fußball-Größen.
"Mean Machine" erzählt mit humoristischem Ton und diversen Albernheiten eben auch diese Geschichte, in der vor allem Vinnie Jones gefällt. Es geht auf dem Platz oftmals hart, insgesamt aber sehr herzlich zu. Auch wenn nicht immer fair gespielt wird, hat der Film keine negativen oder gewalttätigen Untertöne und passt bestens in die britische, kumpelhafte Mentalität.
Sozialkritische Ansätze keimen hier aber kaum auf, denn Regisseur Barry Skolnik setzt vor allem daran, zu unterhalten, was ihm über die knapp 100 Minuten auch sehr ordentlich gelingt. Seine Fußballszenen sind wenig ernst geraten, sondern erinnern mit vielen Action-Szenen an die "Shaolin Kickers".
"Mean Machine" ist eine nette Variante des Knastsport-Themas. Filmemacher Barry Skolnik bedient sich zwar bei der Grundhandlung an mehreren Vorbildern, dafür lässt er, gerade was die Figuren betrifft, viele eigene Ideen und Gags einfließen und verleiht dem Film einen sympathischen britischen Ton. "Mean Machine" ist ein Film mit einer eher kleinen Portion Hirn, dafür aber viel Seele. Das reicht manchmal auch.

Fazit: 60 %

18. Juni 2017

Cheap Thrills

© Koch Media

Regie: E.L. Katz
Land / Jahr: USA 2013













Craig (Pat Healy) ist verheiratet und liebender Vater, doch abseits des Familienlebens geht bei ihm alles schief. Er verliert seinen Job und versucht seinen Kummer in Alkohol zu ertränken, als er seinen alten Schulfreund Vince (Ethan Embry) trifft. In der Kneipe lernen die beiden auch ein wohlhabendes Pärchen kennen, dass ihnen viel Geld für kleine Mutproben bietet.

Liecht verdientes Geld
"Cheap Thrills" ist ein Titel, wie er passender gar nicht sein könnte: Es geht um billige kleine Spielchen. Um leicht verdientes Geld mit verrückten Wetten, die sich natürlich immer weiter steigern und irgendwann ziemlich ernst werden. Dabei ist der Film zwar schmutzig, aber auf schmerzhafte Weise ehrlich - genau das macht ihn auch eher traurig und schockierend als nur unterhaltsam.
Regisseur E.L. Katz fängt seine kleine Geschichte sehr kindisch und naiv an, doch die Geschehnisse lassen den Zuschauer irgendwann nicht mehr los. Immer wieder fragt man sich selbst, ob man sich auf die eine oder andere kleine Mutprobe für die entsprechende Geldmenge einlassen würde. Allerdings dauert es nicht lange, bis es wirklich ernst wird und nicht mehr lustig für alle Beteiligten, auch die vor der Leinwand, wird.
Filmemacher Katz versteht es dabei, den Zuschauer mit steten Erhöhungen der Thrill-Dosis bei Laune zu halten. Denn zu groß ist die Spannung auf das, was als nächstes kommt und in welcher Tragödie die Wetten enden - dass alles aus dem Ruder läuft, daran gibt es keine Zweifel. Lange ist nicht klar, wo der Film hinführen wird. Dabei stellt Katz stets die Frage: Wohin treibt die Verzweiflung (arme) Menschen?

Starke Message und sehr kurzweilig
Die dreckigen Spielchen der reichen Leute sind nur Deckmantel für interessante philosophische und soziale Fragen, die Katz mit "Cheap Thrills" aufwirft. Und es stellt sich auch die Frage, ob der Zuschauer sich mitschuldig macht, weil er sich das Elend der beiden Protagonisten zu Unterhaltungszwecken ansieht. Das unangenehme Gefühl von Schaulustigkeit kommt hier auf. Genau das will Katz auch erreichen.
Erfreulicherweise - und das ist auch ein ganz zentraler Grundpfeiler, warum "Cheap Thrilles" funktioniert und spannend bleibt - sind die Entscheidungen der Figuren und ihre Beweggründe nachvollziehbar und logisch. Sie werden zu nichts gezwungen und können theoretisch selbst entscheiden, wohin die Reise führt. "Sie müssen es ja nicht machen", denkt man sich.
Die Handlung kann mit ein paar guten Wendungen überraschen, die Figuren sind interessant und menschlich: "Cheap Thrills" ist nur ein kleiner Film, hat aber eine starke Message und ist vor allen Dingen ziemlich kurzweilig. Die Struktur dieses makaberen Thrillers erinnert an Michael Hanekes "Funny Games", das Endprodukt ist aber nicht ganz so rund und intelligent wie der Film des Österreichers. Dennoch: Ein interessanter Wett-Thriller.

Fazit: 65 %

16. Juni 2017

Mumie, Die

© Universal

Regie: Alex Kurtzman
Land / Jahr: USA 2017












Durch Zufall gemixt mit Dummheit und Arroganz erweckt Soldat Nick Morton (Tom Cruise) die ägyptische Hexe Ahmanet (Sofia Boutella) zu neuem Leben. Und bei der werten Dame, die vor Jahrtausenden lebendig mumifiziert wurde, hat sich eine Menge Wut angesammelt, die sie an der modernen Welt auslassen will.

Das größte Rätsel Hollywoods
Wieso investiert Universal 125 Millionen Dollar in den x-ten Mumien-Film? Ganz einfach: Weil Hollywood-Superstar Tom Cruise die Hauptrolle spielt. Wirtschaftlich eine ganz einfache und logische Begründung. Doch die viel interessantere Frage lautet: Wieso spielt Tom Cruise in "Die Mumie" die Hauptrolle?
Man kann von der Scientology-Marionette halten, was man will. Aber auf der Leinwand hat Cruise schon mehrmals in Klassikern wie "Magnolia", "Jerry Maguire" oder "Rain Man" bewiesen, dass er mehr ist als der übliche Blockbuster-Darsteller. Schon dreimal war er für einen Darsteller-Oscar nominiert - jeweils zu Recht. Außerdem hat Cruise enorme Einflüsse bei großen Hollywood-Studios, kann sich seine Rollen und Drehbücher aussuchen. Was treibt ihn also dazu, ein solch dünnes Projekt wie "Die Mumie" zu machen? Er bleibt einfach ein riesiges Rätsel.
Die Rolle, die Cruise in "Die Mumie" spielt, hat er in den vergangenen Jahren schon unzählige Male gespielt. Den abenteuerlustigen, smarten und abgezockten US-Amerikaner mimt er auch in den "Mission: Impossible"-Filmen, "Knight and Day" und in "Krieg der Welten". Er spielt parktisch gar nicht mehr: Es scheint seine zweite Identität zu sein.
In "Die Mumie" ist seine Figur Nick besonders abenteuerlustig und zerschießt direkt am Start in dem zufällig entdeckt Grab ein Seil, um mit coolem Blick zu gucken, was passiert. Es könnte alles Mögliche passieren, da er selbst nicht weiß, was mit dieser Aktion ausgelöst wird. Das ist ganz einfach nur dumm und arrogant. Und Nick trifft mehrere solche dämliche Entscheidungen.

FSK boykottiert den Jugendschutz
Das große Problem sind aber noch nicht einmal die Figuren. Das größte Problem ist das Drehbuch, das der ganzen Geschichte einen tollen Dreh verleihen will, anstatt dessen aber von Minute zu Minute immer mehr ins Absurde abdriftet. Beginnt "Die Mumie" noch recht unterhaltsam, verliert er immer mehr an Reiz und wird gegen Ende sogar langweilig. Ist ein Film schlecht, dann ist das ein Problem, aber es gibt einfach nichts Schlimmeres als langweilig zu sein.
Und auch die FSK versagt - mal wieder - auf ganzer Linie. In "Die Mumie" wird getötet, dämonische Kreaturen trachten in düsteren Settings den Protagonisten nach dem Leben, es gibt mehrere Horrorfilm-Elemente - all das ist freigegeben ab zwölf Jahren, in Begleitung eines Erwachsenen dürfen sogar schon Sechsjährige mit auf diesen Horrortrip. Völlig unpassend und unzumutbar für kleine Kinder. Der Jugendschutz wird von seiner eigenen Institution boykottiert.
"Die Mumie" ist ein gänzlich überflüssiger Film, ganz einfach weil es gleich mehrere bessere Versionen der Geschichte gibt. Schauspielerisch drüftig ist vor allem Russell erschreckend schlecht und vollkommen verschenkt in seiner kleinen Nebenrolle. Eigentlich fängt diese Mischung aus Abenteuer, Action und Horror ganz ordentlich und unterhaltsam an, aber sobald Cruises Figur mit dem Flugzeug auf den Boden der Tatsachen schmettert, zerschellt auch der Film an seinem miesen Drehbuch. Die Gags zünden nicht, die Mumie, die keine Mumie, sondern eine heiße Hexe ist, ist lahm und selbst die hübsche Archäologin, gespielt von Annabelle Wallis, geht komplett unter. Lieber noch einmal die 1999er-Version mit Brendan Fraser oder den Klassiker von 1932 gucken.

Fazit: 35 %

14. Juni 2017

Aus der Tiefe des Raumes

© Timebandits

Regie: Gil Mehmert
Land / Jahr: Deutschland 2004












Hans-Günters (Arndt Schwering-Sohnrey) Leben im Deutschland der 60er wäre eigentlich gänzlich frei von Höhepunkten, wenn es da nicht die Tipp-Kick-Meisterschaften geben würde. Bei einem Turnier lernt er auch Zeitungsfotografin Marion (Mira Bartuschek) kennen. Doch das größte Abenteuer beginnt, als sein Star-Kicker (Eckhard Preuß) lebendig wird und mit dem Fußballspielen beginnt.

Die Menschwerdung Günter Netzers
Fußball-Ikone Günter Netzer ist eigentlich gar kein Mensch. So besagt es jedenfalls die Legende, die Gil Mehmert auf die Leinwand brachte. Sie keimt bereits im EM-Viertelfinale 1972, als die deutsche Nationalmannschaft die Engländer in deren eigenen Fußball-Tempel Wembley mit 3:1 besiegt. Noch heute gilt das Spiel als eines der besten in der Geschichte der Nationalmannschaft.
Für die FAZ berichtet damals London-Korrespondent Karl-Heinz Bohrer. Sein Held des Spieles ist ganz klar der damalige Gladbacher Günter Netzer, über dessen Art zu spielen er schrieb: "Netzer kam aus der Tiefe des Raumes". Die sogenannte Wembley-Elf gewinnt nicht nur dieses Spiel, sondern auch die Europameisterschaft. Unter eben dem Titel "Aus der Tiefe des Raumes" veröffentlichte Netzer im Jahr 2004 seine Autobiografie, Ende selben Jahres, genau genommen am 16. Dezember 2004, kam auch Gil Mehmerts alternative Lebensgeschichte Netzers in die deutschen Kinos.
Der Film ist eine äußerst absurde Hommage an einen der besten deutschen Fußballspieler der Geschichte. Sein Leben verdankt Netzer einem wahren Nerd der 60er Jahre, denn ohne den Tipp-Kick-begeisterten Hans-Günter wäre er niemals von dem Stromschlag zum Leben erweckt worden. Und das bleibt nicht der einzige skurille Vorfall in der Alternativ-Biografie, denn Mehmert findet auch gute Gründe für Netzers Frisur und stellt uns sogar dem äußerst verklemmten Hans-Hubert Vogts vor - Freunde dürfen "Berti" zu ihm sagen.

Wenig Gegenliebe in einer schweren Zeit
Kreativität bringt Gil Mehmert eine Menge mit aus dem Theater, wo er eigentlich als Regisseur arbeitet. Aber bedauerlicherweise merkt man seinem Film auch an, dass er kein Mann des Kinos ist. Denn obwohl "Aus der Tiefe des Raumes" sehr originell ist, fehlt es ihm manchmal an Timing und sehr oft an Tempo. Letzteres ist besonders erstaunlich, ist der Film mit seinen 88 Minuten doch eher knapp geraten.
Gefilmt in schönen Ruhrgebietsstädten wie Bochum Gelsenkirchen und Dortmund gibt sich die ganze Crew auf jeden Fall viel Mühe, dass das 60er-Jahre-Flair adäquat rüberkommt. Das gelingt nicht nur optisch, denn auch das verklemmte Verhalten vieler Figuren trifft den Zeitgeist - und das ist auch gut so. Leider sind die Witze hin und wieder auch zu zurückhaltend geraten.
Aber obwohl die Deutschen den Fußball und seine Geschichten lieben, brachten sie diesem wirklich amüsanten, interessanten und vor allem extrem ungewöhnlichen Kulturkleinod nicht viel Liebe entgegen: Nicht einmal 9500 Zuschauer sollen damals eine Kinokarte gelöst haben. Das ist ein sehr, sehr schwaches Ergebnis. Allerdings war die Nationalmannschaft im Jahr 2004 auch nicht gerade auf der Höhe ihrer spielerischen Kräfte.
Die narrative Einstellung von "Aus der Tiefe des Raumes" ist ganz locker, die Umsetzung oftmals schwerfällig. Dennoch bleibt die Idee mit dem lebendig werdenden Tipp-Kicker, der zu einem Fußball-Star wird, so dermaßen einzigartig, dass der Film abseits aller Kritik zum Pflichtprogramm gehört. Hier wäre definitiv mehr Liebe für eine solch tolle Idee angebracht. Nicht nur wenn es bei der Nationalmannschaft gut läuft.

Fazit: 60 %

7. Juni 2017

Blindes Vertrauen

© SCM Hänssler

Regie: Dylan Baker
Land / Jahr: USA 2014












Travis (Mark Hapka) bringt alle Voraussetzungen mit, um nach dem High-School-Football die nächste sportliche Ebene zu erreichen. Doch dann erkrankt er an einem sehr seltenen Virus und verliert über Nacht sein Augenlicht. Die Welt bricht für den jungen Mann zusammen, doch Coach Farris (Stephen Lang) will ihn noch einmal aufs Feld schicken.

Videobeweis im Abspann
Footballspielen ohne sehen zu können: Das ist schwierig, wenn überhaupt vorstellbar. Coach Farris und Travis versuchen es. Sie finden einen Platz im Team für den Jungen ohne Augenlicht. Der Weg dahin ist mehr als beschwerlich. Denn Travis muss im ersten Filmdrittel erst einmal das überraschende Schicksal über sich ergehen lassen, verliert völlig sein Selbstvertrauen.
Das sind hier keine Super-Schauspieler, aber die darstellerischen Leistungen der kompletten Cast sind ordentlich. Besonders Mark Hapka in der Rolle des erblindeten Travis weiß zu gefallen. Regisseur Dylan Baker macht mit dem extrem schlanken Budget von einer Million Dollar einen Sportfilm, der alles andere als bilig aussieht. Großartige inszenatorische Ideen gibt es nicht, dafür aber souveränes Grundhandwerk.
Doch es ist schwierig zu glauben, was da passiert. Noch unglaublicher dann der Fakt, dass diese Geschichte nicht frei erfunden ist, sondern auf einem echten Schicksal basiert. Aber das ist nicht nur Hollywood-Fiktion: Die Story des blinden Footballspielers hat sich tatsächlich in Kentucky ereignet. Videomaterial dazu gibt es im Abspann des Filmes zu sehen, wenn Travis nach seiner Erblindung mit der Mannschaft aufs Spielfeld läuft.

Gedreht an Original-Schauplätzen
Natürlich ist es eine besondere Aufgabe für einen Filmemacher, einen Film wie diesen geschmackvoll und frei von Pathos zu inszenieren. Eine Hürde, die Dylan Baker nicht so richtig zu nehmen weiß. Ja, geschmackvoll ist das, aber leider gibt es auch einige sehr pathetische Momente. Mitunter wirkt "Blindes Vertrauen" wie einer dieser weißgewaschenen Disney-Filme, die ohne jegliche Kritik einen Außenseiter feiern.
Die Szenen in denen Football gespielt wird, wirken demnach auch sehr optimiert, aber wenigstens überspannt Baker die Dramatikkurve nicht zu sehr, sodass nie das Risiko besteht, ins Lächerliche abzudriften. Die Entscheidung, die meisten Szenen an Original-Schauplätzen in Corbin, Kentucky, zu drehen hat mehr Charme als der übliche CGI-Quatsch, der für viele Millionen Dollar produziert in den Kinos gezeigt wird.
"Blindes Vertrauen" ist ein netter kleiner Sportfilm mit einer sehr humanen Message. Die Inszenierung ist zwar frei von Ideen, dafür aber auch von Fehlern. Es geht Regisseur Dylan Baker nur darum, die Geschichte des blinden Footballspielers zu erzählen und ohne irgendwelchen Schnickschnack davon abzulenken. Ein bisschen weniger Pathos wäre dann aber doch besser gewesen - ist aber beim Filmschauen noch zu verkraften.

Fazit: 50 %

6. Juni 2017

Headshot

© Koch Media

Regie: Kimo Stamboel, Timo Tjahjanto
Land / Jahr: Indonesien 2016












Ishmael (Iko Uwais) wird mit einer Kugel im Kopf am Strand gefunden. Ärztin Ailin (Chelsea Islan) schafft es zwar ihm das Leben zu retten, doch er kann sich an nichts mehr erinnern. Als Ailin von einer gnadenlosen Killerbande entführt wird, wird Ishmael zur rasenden Bestie und macht Jagd auf die Verbrecher.

Auf der Landkarte der Action-Filme
Mit seinen beiden mega-unterhaltsamen Martial-Arts-Filmen "The Raid" und "The Raid 2" hat Regisseur Gareth Evans Indonesien auf die Landkarte der Action-Filme gebracht und aus seinem Hauptdarsteller Iko Uwais einen Filmstar gemacht - Uwais spielt beispielsweise eine Rolle in "Star Wars: Das Erwachen der Macht". Die Gründe für den Erfolg seiner Filme sind nicht nur die sehr gut choreografierten Kampfszenen, sondern auch eine zwar einfache, dafür aber wasserdichte Story, eine tolle Atmosphäre, filmtechnisch ein hohes Niveau sowie ein sehr hohes Gewaltlevel.
Und genau an diesen Attributen orientiert sich ohne jegliche Umschweife auch "Headshot". Diesmal hatte aber nicht Gareth Evans, sondern die beiden Filmemacher Kimo Stamboeln und Timo Tjahjanto das Sagen. Die Hauptrolle spielt aber wieder einmal Iko Uwais, ohne den das indonesische Action-Kino überhaupt nicht existiert.
Wieder einmal wird eine nette kleine Geschichte erzählt, die ein paar Wendungen liefert. Wieder einmal ist das zwar keine tolle Story, aber es kommt nicht das Gefühl auf, dass die Geschichte nur Mittel zum Zweck ist - und das obwohl die Kampfszenen locker 80 Prozent der knapp zweistündigen Spielzeit einnehmen.

Einmal vorne, einmal hinten
In einem Aspekt kann "Headshot" den beiden "Raid"-Filmen aber nicht einmal ansatzweise das Wasser reichen: Kimo Stamboeln und Timo Tjahjanto inszenieren zwar souverän und mit einem sehr hohen Tempo, aber das filmtechnische Niveau von Gareth Evans erreichen sie nur in ganz wenigen Momenten, wenn man sich beispielsweise an die fantastische Kamerafahrt auf der Autobahn gegen Ende von "The Raid 2" erinnert - so etwas Feines gibt es in "Headshot" nicht. Qualitativ liegt der Kopfschuss also merklich unter den großen Vorbildern.
In einem anderen Aspekt legen die Stamboeln und Tjahjanto aber noch einen höheren Gang ein: Das Gewaltlevel erreicht für einen Actionfilm neue Höhen. Unzensiert gibt es den Film nur mit einer "SPIO/JK"-Freigabe, aber es ist überaus erstaunlich, dass "Headshot" überhaupt ohne Schnitte in Deutschland erscheint. Denn gerade bei den Kampfszenen haben die Filmemacher jede Menge Einfallsreichtum bewiesen: Wenn beispielsweise eine Machete von unten durch eine Tischplatte getrieben wird und dann der Gegner mit dem Kopf auf den Tisch gehämmert wird, wobei sich die Klinge durch seinen Hals bohrt, dann hat das derbstes Splatterfilm-Niveau. Und von solchen Momenten gibt es einige in "Headshot".
Trotz seiner knapp zwei Stunden, die größtenteils aus Hauer- und Schießereien bestehen, ist "Headshot" sehr kurzweilig geworden. Das Tempo ist durchgehend hoch und die Schnitte niemals so schnell, dass kämpferisches Unvermögen kaschiert werden muss - denn nicht nur Iko Uwais, sondern auch die anderen Darsteller haben es vor allem physisch drauf. Martial-Arts-Fans kommen hier auf ihre Kosten, allerdings sollte man kein Blutphobiker sein, denn das wird hier in rauen Mengen über die Leinwand verschüttet.

Fazit: 65 %