14. Juni 2017

Aus der Tiefe des Raumes

© Timebandits

Regie: Gil Mehmert
Land / Jahr: Deutschland 2004












Hans-Günters (Arndt Schwering-Sohnrey) Leben im Deutschland der 60er wäre eigentlich gänzlich frei von Höhepunkten, wenn es da nicht die Tipp-Kick-Meisterschaften geben würde. Bei einem Turnier lernt er auch Zeitungsfotografin Marion (Mira Bartuschek) kennen. Doch das größte Abenteuer beginnt, als sein Star-Kicker (Eckhard Preuß) lebendig wird und mit dem Fußballspielen beginnt.

Die Menschwerdung Günter Netzers
Fußball-Ikone Günter Netzer ist eigentlich gar kein Mensch. So besagt es jedenfalls die Legende, die Gil Mehmert auf die Leinwand brachte. Sie keimt bereits im EM-Viertelfinale 1972, als die deutsche Nationalmannschaft die Engländer in deren eigenen Fußball-Tempel Wembley mit 3:1 besiegt. Noch heute gilt das Spiel als eines der besten in der Geschichte der Nationalmannschaft.
Für die FAZ berichtet damals London-Korrespondent Karl-Heinz Bohrer. Sein Held des Spieles ist ganz klar der damalige Gladbacher Günter Netzer, über dessen Art zu spielen er schrieb: "Netzer kam aus der Tiefe des Raumes". Die sogenannte Wembley-Elf gewinnt nicht nur dieses Spiel, sondern auch die Europameisterschaft. Unter eben dem Titel "Aus der Tiefe des Raumes" veröffentlichte Netzer im Jahr 2004 seine Autobiografie, Ende selben Jahres, genau genommen am 16. Dezember 2004, kam auch Gil Mehmerts alternative Lebensgeschichte Netzers in die deutschen Kinos.
Der Film ist eine äußerst absurde Hommage an einen der besten deutschen Fußballspieler der Geschichte. Sein Leben verdankt Netzer einem wahren Nerd der 60er Jahre, denn ohne den Tipp-Kick-begeisterten Hans-Günter wäre er niemals von dem Stromschlag zum Leben erweckt worden. Und das bleibt nicht der einzige skurille Vorfall in der Alternativ-Biografie, denn Mehmert findet auch gute Gründe für Netzers Frisur und stellt uns sogar dem äußerst verklemmten Hans-Hubert Vogts vor - Freunde dürfen "Berti" zu ihm sagen.

Wenig Gegenliebe in einer schweren Zeit
Kreativität bringt Gil Mehmert eine Menge mit aus dem Theater, wo er eigentlich als Regisseur arbeitet. Aber bedauerlicherweise merkt man seinem Film auch an, dass er kein Mann des Kinos ist. Denn obwohl "Aus der Tiefe des Raumes" sehr originell ist, fehlt es ihm manchmal an Timing und sehr oft an Tempo. Letzteres ist besonders erstaunlich, ist der Film mit seinen 88 Minuten doch eher knapp geraten.
Gefilmt in schönen Ruhrgebietsstädten wie Bochum Gelsenkirchen und Dortmund gibt sich die ganze Crew auf jeden Fall viel Mühe, dass das 60er-Jahre-Flair adäquat rüberkommt. Das gelingt nicht nur optisch, denn auch das verklemmte Verhalten vieler Figuren trifft den Zeitgeist - und das ist auch gut so. Leider sind die Witze hin und wieder auch zu zurückhaltend geraten.
Aber obwohl die Deutschen den Fußball und seine Geschichten lieben, brachten sie diesem wirklich amüsanten, interessanten und vor allem extrem ungewöhnlichen Kulturkleinod nicht viel Liebe entgegen: Nicht einmal 9500 Zuschauer sollen damals eine Kinokarte gelöst haben. Das ist ein sehr, sehr schwaches Ergebnis. Allerdings war die Nationalmannschaft im Jahr 2004 auch nicht gerade auf der Höhe ihrer spielerischen Kräfte.
Die narrative Einstellung von "Aus der Tiefe des Raumes" ist ganz locker, die Umsetzung oftmals schwerfällig. Dennoch bleibt die Idee mit dem lebendig werdenden Tipp-Kicker, der zu einem Fußball-Star wird, so dermaßen einzigartig, dass der Film abseits aller Kritik zum Pflichtprogramm gehört. Hier wäre definitiv mehr Liebe für eine solch tolle Idee angebracht. Nicht nur wenn es bei der Nationalmannschaft gut läuft.

Fazit: 60 %

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